Tag 2: Es geht steil aufwärts und diese scheiß Fliegen

Der erste Morgen in der Wildnis und somit auch das erste Mal „duschen“ in einem Bach. Was am späten Nachmittag vortags noch als ganz lockerer Weg aussah entpuppt sich als etwas rutschige Kletterei durch den Wald, aber wir können uns immerhin an schönem, klaren Wasser erfreuen und uns etwas erfrischen. Was aber leider nicht heißt, dass uns die Fliegen in Ruhe lassen.

Das erste Müsli wird verdrückt und mit vollen Bäuchen packen wir die Zelte ein. Nun ja, zumindest 3 von uns haben volle Bäuche, denn das was Lukas als Frühstück verdrückt hat, scheint für uns kaum genug um damit auch nur 2 Stunden Wanderung zu überstehen. Aber gut, jeder wie er meint.

Mit den schwer bepackten Rucksäcken geht es also wieder los. Wir machen sehr schnell einige Höhenmeter und ebenso schnell kristallisiert sich bei mir heraus, dass ich das Tempo so nicht mitgehen kann. Sollten all die Testkilometer vorher umsonst gewesen sein? Gehe ich hier direkt am ersten Anstieg dermaßen am Stock, dass die Anderen immer nur auf mich warten müssen und somit die Tour anders laufen muss? In mir machen sich gewisse Zweifel breit, was nicht unbedingt positiv auf den allerersten Kilometern ist.

Mein Schnaufen bleibt natürlich nicht unbemerkt und auf einer kleinen Lichtung und dem ersten flacheren Stück wird somit auf Volkers Anraten das Gepäck nochmal überprüft. Schon beim Gepäck Wiegen am Flughafen hatte sich herausgestellt das mein Rucksack gute 2-4kg schwerer als die der Anderen ist und voll mit Wasser beladen schlägt sich dies nun sehr deutlich nieder. Aus reiner Vorsicht und mit dem Wissen das ich meist recht viel trinken muss, habe ich gute 5-6L Wasser dabei wo der Rest mit 3-4L unterwegs ist. Zwar haben wir keine Wage, aber vermutlich bin ich mit gut 25kg unterwegs, wo der Rest eher bei 20kg liegt. Deutlich zu viel, Ballast muss abgeworfen werden. Also etwas Wasser auskippen und Gepäck anders verteilen. Volker nimmt mir netterweise gute 1,5kg ab und auch in Lukas Rucksack findet sich noch etwas Platz, so dass sich mein Rucksackgewicht doch noch dem der anderen annähert. Und siehe da, ich komme jetzt auch deutlich besser voran.Zwar noch immer etwas schleppend, aber ich kann schon viel besser mithalten.

Raus aus dem Wald

Schoene Sicht

Bei unserer ersten kurzen Pause des Tages sehen wir in einiger Entfernung von sicherlich 700-800m auch unsere erste Schafherde hier in den Bergen. Von den Hütehunden und deren Gefahr für Trekker hatten wir vorher zu Genüge gelesen, ohne uns dabei jedoch je wirklich sicher gewesen zu sein, wie wir im Falle des Falles reagieren würden. Wie gut so eine Herde bewacht wird können wir hier aber direkt erfahren, denn trotz der großen Entfernung werden wir von 4 Hunden angebellt. Dabei liegen wir nur im Gras und trocknen unsere Sachen. Da wird einem schon mal ganz anders, wenn man bedenkt, dass so eine Begegnung auch mal auf wesentlich kürzere Distanz stattfinden kann und die Hunde dann nicht nur bellen.

Pause mit Fliegen

Frisch mit Sonnencreme geschützt und wieder mit halbwegs trockenen T-Shirts – als ob das was nützen würde – machen wir uns wieder auf die Socken. Nach wenigen Minuten sind die Shirts wieder nass und natürlich folgt uns auch wieder eine große Meute Fliegen. Wir wundern uns ziemlich, dass in allen Büchern und Tourberichten zwar immer vor Hunden und Gewittern gewarnt und von starkem Regen berichtet wird, aber nirgends auch nur ein Wörtchen von den fiesen Brummern zu lesen ist. Wir fühlen uns auf jeden Fall schon wie ein Haufen Scheiße, denn kaum bleibt man stehen, landeten auch schon zig Fliegen auf Kopf und Klamotten. Selbst die Griffe unserer Wanderstöcke werden gierig angeflogen. Hoffentlich wird das nicht die ganze Tour über so bleiben. Wir sind mittlerweile auf guten 1600m unterwegs und zumindest oberhalb der Baumgrenze, so hoffen wir, sollte sich das Fliegenproblem von selber lösen.

Ja Fliegen

Weit und breit nur wir

Dann in einiger Entfernung die nächste Schafherde. Diesmal mitten auf unserem Weg. Mit durchaus einiger Erleichterung nehmen wir aber zur Kenntnis das der Schäfer seine Herde weg vom Weg, über einen Sattel führt. Ob er uns gesehen hat ist uns nicht ganz klar, aber die Gefahr von Hundeangriffen scheint halbwegs gebannt zu sein. Nur ein Hund bleibt nah am Weg stehen und scheint uns zu erwarten. Aber so wirklich nach Hütehund sieht er für uns nicht aus. Eine Wahl haben wir eh nicht, also geht es dem Bello mutig entgegen. Als wir auf vielleicht 20m ran sind, schleicht er sich aber auch schon in die Büsche und nimmt einen respektvollen Abstand zu uns ein. Es ist offensichtlich nur ein Streuner, der mehr Angst vor uns hat als wir vor ihm. Friedlich geht es also weiter über die Wiesen an den Berghängen.

Mittlerweile bewegen wir uns über der Baumgrenze. Da uns die, bisher immer gut sichtbaren, Wegmarkierungen schon einige Zeit nicht mehr untergekommen sind, werfen wir mal einen Blick auf die Karte. Wir müssen schon vorbei am Chica Fedelesului (1820m) sein, und im Anstieg zum Vf. Tatarul (1890m). Oder doch nicht? Um uns nicht groß weiter zu verlaufen entscheiden wir uns zu einem kurzen Blick auf das GPS, dass hilft aber auch nicht so recht weiter. Denn die angezeigten Koordinaten platzieren uns auf einem Punkt der Karte, der nicht zu dem passt was wir sehen. Das dürfte aber wohl einfach daran liegen, dass wir mit unseren 1:60.000 und 1:75.000 Karten nur Minutenangaben haben (bessere bzw. genauere waren nicht zu kriegen), wir für das GPS aber an sich auch Sekundenangaben benötigen. So geht es also erst mal wieder etwas zurück bis zur letzten Markierung, was dummerweise auch bedeutet wieder etwas abzusteigen.
Zum Glück nicht all zu viel und so sind wir schnell wieder auf dem richtigen Weg, haben uns zuvor in unserem Eifer nur etwas zu weit nach links und somit etwas zu hoch bewegt. Wir standen schon beinahe auf dem Gipfel des Tatarul, der eigentliche Weg verläuft jedoch unterhalb weiter. Immerhin konnten wir so zwischen Gras, Moos und Steinen ein paar Eidechsen und eine kleine Schlange entdecken. Ist ja auch was. Aber jetzt geht es weiter auf dem richtigen Pfad.

Hier lang nein da lang

Kurze Zeit später verlaufen wir uns ein zweites Mal. Die Wege auf den Wiesen hier oben sind aber manchmal auch echt schwer zu sehen. Überall sind Schafe durch gelatscht, haben ihre Köttel hinterlassen und alles scheint zunächst ein Weg zu sein. Also wieder ein Stück zurück, diesmal weit weniger als beim letzten Mal, da wir unseren Irrtum früher bemerkt haben. Der Wegabschnitt hier oben wird so aber etwas nervig.

Da wir heute locker über 1000 Höhenmeter gemacht haben, beschließen wir auf einem Sattel, dem Saua La Apa Cumpanita, an einem sehr schönen Fleckchen unser Nachtlager aufzuschlagen. Es ist grob 16 Uhr, wir haben keine Pause über 10 min gemacht und waren somit mindestens 6 Stunden recht stramm unterwegs. Über die Hänge des vor uns liegenden Vf. Moasa, mit 2034m der erste 2000er auf der Tour, sehen wir einen Schäfer mit seiner Herde, hören aber keine Hunde und wähnen uns somit in Sicherheit. In vielleicht 200m Entfernung grasen friedlich gut 15 Kühe, welch Idylle einfach herrlich. Wenn nur die scheiß Fliegen nicht wären. Sie sind omnipräsent und kaum schmeißen wir die Kocher für einen Tee an, scheinen wir beinahe wie der Muezzin zum Gebet gerufen zu haben. Uns dämmert, dass die Biester offenbar von Hitze angelockt werden. Dazu unser Schweißgeruch, Schaf- und Kuhscheiße auf den Wiesen, welch Paradies für die Plagegeister. Warum nur war davon nie was zu lesen?

Lager 2

Pure Freude

Um 18 Uhr dann ein paar Tropfen. Mist, der erste Regen steht uns wohl bevor. Dabei war es doch gerade noch so schön sonnig. Der Schäfer kommt auch vom Gipfelhang runter und stiefelt gemütlich zu einer Hütte. Nur scheucht er dabei die Kühe auf und sie machen sich auf den Weg in unsere Richtung. Aber es sind ja nur Kühe…oder? Die gemütlichen Vierbeiner bleiben immer mal wieder stehen und schnuppern in unsere Richtung und irgendwas ist komisch. Plötzlich dämmert es uns. Das sind keine Kühe, das sind Stiere! Uns wird etwas unwohl, denn der eine oder andere guckt uns schon etwas skeptischer an. Als sie auf vielleicht 30m ran sind, verziehen wir uns vorsichtshalber doch mal auf die Felsen hinter unseren Zelten. Ob unsere leichte Panik hier unangebracht ist wissen wir nicht, wollen aber nichts riskieren. Und auch wenn der eine oder andere hier schmunzeln mag, wir fühlen uns doch deutlich sicherer auf unseren Felsen. Zumal ein schwarzer Stier keine 5m vor unseren Zelten steht, uns anguckt, unseren Geruch aufnimmt, den Kopf mehrfach senkt und, zumindest für uns ganz schön angriffslustig aussieht. „Oh bitte jetzt nicht durch die Zelte rennen“ denken wir uns.

Stiere

Aber die kleine Herde zieht dann doch friedlich vorbei und lässt nur ein paar (Stier-)Kuhfladen zurück und wir können uns, passend zum jetzt stärker werdenden Regen, in unsere Zelte verziehen. Aber hey, so ein Regenschauer hat auch sein Gutes. Kurzerhand rennen Volker, Thorsten und ich, nur in unseren Unterhosen, draußen im Regen rum und genießen die ordentliche Dusche. Es ist etwas kühl, aber doch sehr erfrischend. Lukas zieht es vor im warmen Zelt zu bleiben. Vielleicht gar nicht so blöd, wenn ich bedenke wie frisch es mir nach den nicht mal 5min im Regen wird. Bevor wir uns was einfangen, also schnell wieder ins Warme, kurz abtrocknen und rein in den Schlafsack und abwarten.

Regen

Zum Glück ist es nur ein kurzer Schauer und wir können uns noch halbwegs im Trockenen an das Kochen des Essens begeben. Auch der Schäfer kommt aus seiner Hütte, um seine Herde weiter zu treiben. Nach dem Abendessen landen wir dann auch schnell wieder in den gemütlichen „Betten“, es ist gerade mal 20:30 Uhr aber damit ist dieser Tag für uns lang genug.

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Categories: Rumänien 2011

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