Tag 4: Schicksalslager am Negoiu

Was für eine fiese Nacht. So wirklich gut hat keiner von uns geschlafen, alles war schief und unbequem, sowohl in der ollen Schutzhütte, als auch im Zelt. Nicht sonderlich toll wenn man aufsteht und sich so gerädert fühlt. Doch wieder heißt das Motto „wir müssen ja weiter“. Beim Wasserholen schnaufen wir schon wie blöde und malen uns schon aus, dass dieser Tag wohl nicht so erfolgreich verlaufen wird. Mit müden Knochen packen wir die Rucksäcke und nach einem gemütlichen Frühstück geht es wieder los.

Ausblick

Landschaft

Und es läuft plötzlich alles wie am Schnürrchen. Obwohl wir die schweren Brocken geschultert haben kommen wir sehr gut voran und steigen schnell weiter auf. Wir machen sogar einen Abstecher von der eigentlichen Kammroute auf den Vf. Musceaua Scarii auf 2212m, dann geht’s weiter über den Saua Serboti und rauf zum Serbota. Mit seinen 2336m der bisher höchste Gipfel der Tour. Und wir müssen weiter Tempo machen, denn an sich soll es noch bis nach Balea Lac gehen. Zumindest rein an den Kilometern auf der Karte gemessen müsste das, verglichen mit der gestrigen Tagesleistung und einer kleinen Steigerung, schon drin sein meinen wir.

Serbota

Doch auf dem Gipfel des Serbota stehen dann noch 4 Rumänen die sich in der Umgebung etwas auskennen und bei einem kurzen Plausch gucken sie uns für unsere Ziele an diesem Tag doch etwas skeptisch an. Allein bis rauf auf den nächsten Gipfel, den laut Karte ca. 1,5km entfernten Negoiu, sollen es gute 5Std sein. Weiter dann runter bis zur Schutzhütte locker 7Std. und bis Balea Lac, also da würden wir wohl erst in der Nacht ankommen. Noch können wir uns diese Zeitangaben kaum vorstellen, beginnen im Kopf aber doch schon mal anders zu planen. Noch vermuten wir, dass sie uns auf Grund unserer Rucksäcke als zu langsam einschätzen und wir wollen es doch zumindest bis zur nächsten Schutzhütte packen. Also wird nicht lange pausiert, rauf geht es zum Negoiu der doch recht spannend mit seinen Zacken, kleinen Schneefeldern und dem teils Wolken verhangenen Gipfel aussieht.

Negoiu in Wolke

Und genau dieser Aufstieg gestaltet sich urplötzlich dann doch als ein extrem harter Brocken und wir wissen nun was die Jungs und Mädels auf dem Gipfel des Serbota wohl gemeint haben. Denn ab jetzt geht es erst mal runter und es heißt auch Klettersteig. Mit den dicken Rucksäcken ist dieser weder ganz ungefährlich, noch einfach. Gute 2 ½ Stunden rackern wir uns im Fels ab und kommen nur langsam vorwärts. Der Negoiu scheint grimmig lachend auf uns runter zu blicken, wenn er mal seine Zacken zeigt und wir kämpfen schwitzend mit Ausrüstung und Untergrund. Gerade für Thorsten und Lukas ist diese Kletterei zudem Neuland und Lukas muss auch noch mit seiner Höhenangst kämpfen, was er durchaus respektabel erledigt. Wir hatten schon damit gerechnet an den ersten Stellen mit Seilen und Ketten stundenlange Überredungskünste einsetzen zu müssen, aber nein, dem ist zum Glück dann doch nicht so. Hier und da zwar mal ein paar Flüche und Unsicherheiten, aber auch an steilen und ausgesetzten Stellen, die zum Teil mehr schlecht als recht gesichert sind, kommen alle letztendlich gut durch.

Kurz umpacken

Klettern

Mir persönlich geht es dabei heute mal extrem gut. Zwar schwitze ich keinen Deut weniger als der Rest und keuche auch gut vor mich hin, aber ich fühle mich einfach gut. Womöglich liegts am hoch kochenden Adrenalin, aber rein vom Gefühl her könnte ich das noch eine ganze Weile so weiter machen, im Gegensatz zum ewigen marschieren an den Tagen zuvor. Und das obwohl sich irgendwo in der Felswand meine dritte Wasserflasche (ok die war eh leer) verabschiedet hat – man muss hier aber auch echt mal recht oft auf dem Arsch runterrutschen.

Nach der anstrengenden Kletterei stehen wir dann auf einem Sattel vor dem über 2500m hohen Negoiu und es dämmert uns: Wir haben ein Problem. Auf den Gipfel und wieder runter zum Lac Caltun, also zum nächsten Refugiu, das ist womöglich machbar, aber wir kämen da nicht vor 19 Uhr an. Womöglich eher später. Zudem können wir, auf Grund der sich verändernden Wetterlage, den weiteren Weg nicht sehen. Wenn da weitere Kletterei kommt, sowohl rauf als auch runter, dann kann es kritisch werden. Es gibt zwar eine Alternativroute, aber die wäre noch länger und wir müssten weit absteigen und dann auch wieder eben soweit rauf. Zudem müssten wir dann auf jeden Fall den Strunga Dracului steigen. Ein Stück das auf unseren Karten und im Reiseführer als nicht ganz ohne beschrieben wird und wohl nicht umsonst “Teufelsweg” heißt. Laut einem Reisebericht sollten ungeübte Bergsteiger da nicht runtergehen, auch wenn man mit der Kletterei etwas Wegstrecke sparen kann. Von Todesfällen liest man auch hier und da mal etwas, was nicht gerade zusätzlichen Mut macht. “It’s not to be taken lightly” ja ja. Da Lukas und Thorsten heute ihren ersten Klettersteig und irgendwie schon ziemlich viel mitgemacht haben, wäre auch das wohl ein unnötiges Risiko was wir auf uns nehmen würden. Man muss einfach die locker 20kg auf unserem Rücken bedenken die wir mit uns führen. Da ist es keine Schande doch lieber den Strunga Doamnei, den “Damenweg” zu gehen. Aber eben den erreichen wir nur, wenn wir über den Gipfel gehen.

Weiter Weg

Wenn doch nur das Wetter nicht wäre. Denn das ist mir der Zeit vom Sonnenschein in stärkeren Wind und fiese Wolken umgeschlagen. Der Unsicherheitsfaktor ist für uns einfach zu groß, wir wollen mal lieber die Sicherheit walten lassen und entscheiden uns dazu auf dem Sattel zu campieren. Durch eine große Felswand ist es recht windgeschützt, ja geradezu windstill und auch wenn sich unter uns die Wolken tummeln und um die Felsen rum, rauf zum Negoiu alles recht zugezogen ist, geht es uns hier auf dem Sattel doch recht gut, ja es ist geradezu angenehm.
Trotz der etwas blöden Lage das wir früher als geplant abbrechen mussten als geplant, sind wir überzeugt hier auf gut und gerne 2300m gerade den schönsten Campingplatz der Welt für uns ausgesucht zu haben.

Wir schlagen also die Zelte auf und das Wetter hat so seinen Spaß mit uns. Hocken wir uns in unseren kurzen Klamotten hin, entscheidet sich der Wind dazu doch mal schnell um die Felswand herum zu pfeifen und es fröstelt uns. Ziehen wir uns daraufhin wärmer an, flaut der Wind ab, die Sonne kommt wieder vor und es wird zu warm. Egal was wir machen und anziehen es ist verkehrt. Einen gesunden Mittelweg gibt es einfach nicht.

Wolke

Zudem donnert es in weiter Entfernung immer mal. Und auch wenn es weit weg ist, ein fader Beigeschmack bleibt dann doch zurück. Denn so ein Gewitter im Gebirge ist ja nicht ganz ohne. Vorsorglich gucken wir uns schon mal einen Notfall Plan aus und suchen eine Möglichkeit um bei Gewitter entsprechend Schutz suchen zu können.

Zur Wasserversorgung gibt es an diesem frühen Abend dann auch mal ein Novum. Wir schmelzen Schnee für unseren allabendlichen Tee und auch für unser Abendessen. Zum Tee spendiert Lukas dann auch noch seine letzte Schokolade – die Vorletzte hatte er noch in der Nacht zuvor in der Schutzhütte gefressen – was ein Festessen, was für ein Genuss.

Lecker Schnee

Schneeschmelze

Leider fängt es kurz nach dem Essen dann an zu regnen und wir müssen uns in die Zelte verziehen. Ja und dummerweise wird auch das Donnern lauter. Da wird es einem schon recht mulmig. Vorsichtshalber packen Lukas und ich die Sachen und sitzen aufbruchsbereit im Zelt. Doch da hört es dann auch schon wieder auf. So ein Glück, wir atmen auf und krabbeln aus dem Zelt. Und der Anblick der sich hier bietet ist einfach nur genial. Die Sonne ist dabei, hinter den letzten Wolkenbergen am Horizont zu versinken es ist wunderschön. Wir sitzen hier über den Wolken und können weit ins wolkenverhangene Tal gucken. Einfach traumhaft, wir freuen uns tierisch jetzt gerade hier zu sein und genießen es in vollen Zügen.

Nach dem Regen

Nach dem Regen 2

Doch noch sollte der Tag nicht vorbei sein. Denn bekanntlich folgt auch irgendwann die Nacht und die hatte es in sich…

Tags: , ,

Categories: Rumänien 2011

About the Author,

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *